Das Eltern-Onlinetraining – von Kinderärzten empfohlen

Interview mit der Allgemeinärztin Katharina Maria Friedsam

Katharina Maria Friedsam ist Ärztin für Allgemeinmedizin in Stuttgart. In ihrer Praxis hat sie täglich mit Eltern und ihren Kindern zu tun. Dabei geht es oft nicht nur um kleine oder große Wehwechen, denn oftmals suchen Eltern auch Rat in Fragen der Erziehung. Das Interview führte Sigrid Schulze/Köln.

Ein Ärztin in weißem Kittel

SIGRID SCHULZE: Frau Friedsam, wie haben Sie vom Eltern-Onlinetraining erfahren?

KATHARINA MARIA FRIEDSAM: Auf der Suche nach hilfreichen Hinweisen für Eltern bin ich auf das Eltern-Onlinetraining gestoßen. Zudem betreuen Kay Rurainski als Erziehungsberater und ich als Ärztin immer wieder dieselben Familien.

SCHULZE: Was halten Sie vom Eltern-Onlinetraining?

FRIEDSAM: Mir gefällt die Idee, dass sich Eltern zuhause, auf dem Sofa, über Erziehung schlau machen können, ohne wegen eines zusätzlichen Termins außer Haus zu müssen. Ich bekomme ja mit, wie zeitlich belastend Termine für Eltern im ohnehin stressigen Alltag sind, wenn sie mich in meiner Praxis aufsuchen: Termin einrichten, Anfahren, Parkplatz finden, zur Praxis laufen, warten und endlich den Termin wahrnehmen, um den es ja eigentlich geht. Hinterher das Ganze retoure.

Ich will damit sagen: Es ist einfach enorm zeitaufwändig. Natürlich ersetzt ein Onlinekurs keine Eins-Zu-Eins-Beratung.​ Aber es gibt beim Eltern-Onlinetraining ja auch dieses Telefon-Coaching, bei dem Eltern ergänzend zu den Inhalten mit einem Kommunikations-Coach üben können, was sie im Kurs trainiert haben. Da kann sicher recht individuell auf die Situation der Familie eingegangen werden.

SCHULZE: Worin sehen Sie den Vorteil des Eltern-Onlinetraining gegenüber klassischer Erziehungsberatung?

FRIEDSAM: Zunächst: Ein Onlinetraining ersetzt bestimmt keine Erziehungsberatung, in der auf die spezielle Situation ratsuchender Eltern und ihres Kindes eingegangen wird. Ich denke, das ist auch gar nicht beabsichtigt. Insofern fällt mir der Vergleich schwer.

SCHULZE: Halten Sie E-Learning für Eltern sinnvoll?

FRIEDSAM: Ich denke, es hängt von den Eltern ab. Arbeitet ein Elternteil in seinem Beruf im Wesentlichen vor dem Computer, wird er sich abends vielleicht nicht unbedingt noch mal gerne davor setzen. Andererseits sind die neuen Medien uns ja über Smartphones und Tablet-Computern sehr nahe gekommen. Insofern halte ich diese Art der Vermittlung auf jeden Fall für zeitgemäß.

SCHULZE: Worin sehen Sie den größten Vorteil des Eltern-Onlinetrainings im Gegensatz zu anderen (vergleichbaren) Elterntrainings?

FRIEDSAM: Es gibt ja recht viele Elternkurse und Elterntrainings. Was mir am Eltern-Onlinetraining gut gefällt, ist einerseits die grundsätzliche Haltung, die dort vermittelt wird. Nicht autoritär, aber auch nicht laissez fair. Nicht bestimmend und doch Grenzen setzend. Es vermittelt Eltern genau das, was ich ihnen zum Thema Erziehung gerne mitgeben würde, wenn meine Sprechstundenzeit nicht so begrenzt wäre. Insofern ist es für mich persönlich entlastend, wenn Eltern sich zum Beispiel mit dem Eltern-Onlinetraining für ihren Erziehungsauftrag gerüstet haben. Hinzu kommt, und hier sehe ich den Vorteil, wie vorhin schon erwähnt darin, dass Eltern vor zusätzlichen verpflichtenden Terminen geschützt werden.

SCHULZE: Wem würden Sie das Eltern-Onlinetraining ans Herz legen oder empfehlen?

FRIEDSAM: Ich empfehle es immer wieder gerne. Und zwar Eltern, bei denen ich merke, sie haben das Gefühl, dass die Art und Weise, wie sie mit ihrem Kind umgehen, sie nicht weiter bringt. Also Eltern, die ihren Erziehungsstil hinterfragen, weil er letzten Endes unbefriedigend ist. Eltern, bei denen ich spüre, sie reflektieren den Umgang mit ihrem Kind.

SCHULZE: Wie viel Zeit sollten Eltern für das Eltern-Onlinetraining einplanen?

FRIEDSAM: Hm … ich denke, dass es vor allem wichtig ist, regelmäßig zu üben. Ich erlebe immer wieder, dass Eltern meine Praxis mit einem guten Vorsatz verlassen, künftig anderes mti ihrem Kind umzugehen. Doch daraus wird dann meist nichts, weil der Stress im Alltag den Plan zunichte macht. Deswegen meine ich: Lieber kurz und dafür täglich üben. Soweit ich weiß, ist ja die Nutzungsdauer des Eltern-Onlinetrainings ziemlich großzügig bemessen.

SCHULZE: Ersetzt das Eltern-Onlinetraining eine klassische Erziehungsberatung?

FRIEDSAM: Das glaube ich nicht. Ich glaube aber, dass Erziehungsberatung weniger erforderlich ist, wenn sich Eltern mit den elementaren Softskills vertraut gemacht haben, die im Eltern-Onlinetraining trainiert werden.

SCHULZE: Vielen Dank für das Interview.

Katharina Maria Friedsam, Allgemeinmedizinerin, Olgastraße 19, 70182 Stuttgart